UBoot geht zu den Piraten


Ich habe doch nichts zu verbergen!
14. August 2009, 13:49
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Es klingelt. Zwei Herren in Anzügen stehen vor der Tür. »Guten Tag, Frau Selbig, wir sind vom BKA, Meier und Schulze. Wir würden gerne einen Blick in Ihre Wohnung werfen.«

»Äh … guten Tag … wieso das denn? Habe ich etwas verbrochen?« Frau Selbig lacht etwas unsicher.

»Wir sind hier, um genau das herauszufinden, Frau Selbig. Also, dürften wir dann mal –?«

»Na, hören Sie. Das passt mir jetzt aber gar nicht. Wer schickt Sie denn überhaupt?«

»Wir sind hier im Rahmen einer stichprobenartigen Reihenuntersuchung. Das ist eine staatliche Maßnahme zur Bekämpfung von Terror und organisierter Kriminalität und dient Ihrer eigenen Sicherheit.«

»Aber ich habe doch gar nichts getan — und mit Terror habe ich ganz bestimmt nichts zu schaffen!«

»Na, das ist doch wunderbar, Frau Selbig. Dann können Sie uns ja jetzt reinlassen, und wir werden genau das an unsere Vorgesetzten weitergeben können.«

»Moment mal. Ich möchte aber nicht, dass Sie in meiner Wohnung herumschnüffeln. Was suchen Sie denn überhaupt? Und haben Sie überhaupt eine Berechtigung für sowas?«

»Frau Selbig, wir sagten es Ihnen bereits: Das ist eine staatlich angeordnete Maßnahme, die Ihrer Sicherheit dient. Wenn es so ist, wie Sie angeben, haben Sie ja nichts zu befürchten.«

»Es ist mir aber nicht recht —«

»So, Frau Selbig? Haben Sie etwa was zu verbergen?«

Schauen wir uns Frau Selbig einmal näher an. Sie ist eine unbescholtene Bürgerin, die allein in ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung lebt. Wenn die Beamten vom BKA hineingehen, werden sie auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches finden und sicher nichts, was Frau Selbig vor dem Gesetz in Schwierigkeiten bringen könnte.

Nunja, im Wohnzimmer könnte mal wieder staubgesaugt werden. Eine stattliche Anzahl von Spirituosen steht in der Küche (ach, nur zum Kochen?), und das Bett ist nicht gemacht. (Nicht dass das von Interesse wäre. Aber am hellen Nachmittag?) Im Bad hängt die gute Unterwäsche auf der Leine; oh, ein bisschen nicht so gute ist auch dabei. Ach, und das ist das Arbeitszimmer. Viel technisches Gerät. Aber das muss wohl so sein, wenn man von daheim aus arbeitet. Da darf man auch ruhig vorm Bildschirm essen. Obwohl so viel Fertigessen gar nicht gesund sein soll, Frau Selbig … Na, und diese Kontoauszüge, die sollten Sie auch nicht einfach so offen herumliegen lassen. Dann schönes Wochenende noch, Frau Selbig. Ach ja, richtig, Sie müssen ja arbeiten.

Nichts zu verbergen haben heißt nicht, alles zeigen zu wollen. Menschen brauchen eine Privatsphäre, einen Raum, in den sie sich zurückziehen können, in dem sie sicher sind, in dem sie nicht gestört und nicht beobachtet werden. Nicht umsonst sind in Gefängnissen nicht nur der Ausgang, sondern auch die Rückzugsräume eingeschränkt. Und wer jemals Opfer eines Einbruchs war, weiß, wie schutzlos und ausgeliefert man sich fühlt, wenn die persönliche Sphäre verletzt wird. Wie misstrauisch man wird und wie lange es dauert, bis man sich wieder wirklich wohlfühlen kann in seiner Umgebung. Die Verletzung der Privatsphäre ist ein Trauma. Und es spielt kaum eine Rolle, durch wen diese Verletzung geschieht.

Davon einmal abgesehen — wie fühlt sich ein Bürger, dem der Staat (»nur zu seiner Sicherheit«) im öffentlichen Raum mit Kameras auf den Leib rückt, dessen Kommunikation überwacht, dessen Autonummer mit Fahndungslisten abgeglichen wird? Er wird sich fühlen wie ein Krimineller. Und wenn er das nicht tut, so geht es ihm vermutlich wie dem Frosch im heißen Wasser.

Frau Selbig jedenfalls geht es nicht besonders gut, als sie die Tür hinter den Beamten schließt und hört, wie diese beim Nachbarn klingeln. Sie fühlt sich ausgezogen, durchleuchtet — sie fühlt sich, als hätte sie etwas verbrochen.

Nein, das ist so nicht passiert. Es sieht auch nicht so aus, als würde so etwas passieren können … noch nicht, zumindest nicht bei uns. In den Niederlanden ist das schon möglich.