UBoot geht zu den Piraten


»Wenn dadurch auch nur ein Kind …«
19. August 2009, 16:33
Filed under: Piratenthemen | Schlagwörter: , , , ,

Am 17. August fand in Sulzbach an der Saar eine Wahlkampfveranstaltung statt. Frau Ursula von der Leyen, CDU-Familienministerin und Initiatorin des neuen »Zugangserschwerungsgesetzes«, sprach vor einem Saal wahrscheinlicher Wähler, und einige Stunden später stellte ein freundlicher Mensch namens »urpils« einen Mitschnitt bei YouTube ein.

Mir ist immer noch schlecht.

Zuerst wurde das Internet wie üblich als der böse »rechtsfreie Raum« hingestellt, in dem jedermann freien Zugang zu Bildmaterial von missbrauchten Kindern hat. (Dann ist es ja gut, wird sich der Großteil der Versammelten gedacht haben, dass wir mit diesem Internet gar nichts zu schaffen haben.)

Mit einer Rhetorik und einem Gestus, die unangenehm an historische Vorbilder denken lassen (Himmel nochmal!), zieht die Ministerin das zu erwartende Programm durch. Sie zielt direkt auf die Emotionen des Publikums.

Zunächst schildert Frau von der Leyen das Leiden der missbrauchten Kinder. (Stummer Schock unter den Anwesenden.) Dann die Heilsversprechung: Die CDU sei die Partei, die endlich etwas tue gegen dieses Verbrechen — Kinderpornoseiten im Netz werden gesperrt! (Beifall im Saal.)

»Und dann kam das Tollste. Dann kam der Chaos Computer Club und die Piratenpartei, die plötzlich schrien: Das ist Zensur!«

Und das könne ja so nicht angehen, oder?!

Das Wahlvolk, soweit zu überblicken, klatscht eifrig und nickt mit den weißen Köpfen.

Was bleibt hängen in diesen Köpfen der Ü-60er von Sulzbach? Die CDU tut was für arme Kinder, das Internet ist böse, die Piraten und der Chaos Computer Club sind für Kinderpornographie. (Kein Wunder, wie die schon heißen.)

Die — gelinde gesagt — verkürzte Darstellung war nicht anders zu erwarten, ebenso der Ausfall gegen alle Bürgerrechtler, die sich gegen eine staatliche Reglementierung des Mediums Internet wehren. Dafür sind wir hier bei der CDU. Umfassendere Darstellungen, Analysen und Diskussionen finden sich überall im Netz.

Wie aber die Familienministerin missbrauchte Kinder vor ihren Wahlkampfkarren spannt — das ist nicht bloß billig, sondern widerwärtig:

Aber es kann ja wohl nicht so weit gehen, dass man dafür, weil man die Massenkommunikation so hoch stellt, die Würde und den Schutz eines Kindes hinten anstellt und sagt: »Dies ist nachrangig«.

Spätestens das macht mir Bauchschmerzen. Ich bin nicht die erste, die es sagt, und ich werde nicht die letzte sein: Stoppschilder helfen Kindern nicht.

Diese Ansicht vertreten nicht zuletzt Eltern in IT-Berufen — und Missbrauchsopfer selbst. Wenn Missbrauch von Kindern verhindert werden soll, benötigen Familien langfristige Hilfen und Betreuung. Kinder müssen Ansprechpartner haben, denen sie vertrauen können. Für Eltern ist nicht nur Kontrolle, sondern therapeutische Begleitung wichtig. Für potenzielle Täter muss es präventive Angebote geben. Berufsgruppen wie Ärzte und Pädagogen müssen geschult und beraten werden. Und die Menschen, die mit missbrauchten Kindern und ihren Familien arbeiten, brauchen jeden erdenklichen Rückhalt und einen langen Atem.

Das alles kostet langfristig viel Geld und zeigt kurzfristig wenig Erfolge. An Schulen wird deshalb schon seit Jahren der Mangel verwaltet, in Jugendämtern spart man Personal bis zum absoluten Minimum ein, Beratungsstellen haben lange, lange Wartelisten. Prävention ist nicht in, Maßnahmen werden nur noch da bewilligt, wo es unübersehbar brennt.

Missbrauchsopfer sind die, für die am wenigsten getan wird. Ihr Leiden ist immer noch tabu. Wenn sie nicht sehr, sehr laut um Hilfe rufen oder Fürsprecher finden, werden sie in unserer Gesellschaft am liebsten vergessen.

Und vor diesem Hintergrund zu sagen: Wir helfen missbrauchten Kindern, indem wir Stoppschilder aushängen — das ist unerträgliche Heuchelei.

Das sind nur ein paar der Takte, die zu diesem Auftritt zu sagen wären. Was Frau von der Leyen hier betreibt, ist schlicht und einfach widerlich.

PS: Und vielleicht, vielleicht wird sie es noch bereuen

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1 Kommentar so far
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Hallo,
ein zweites Video, welches nun von einer weiteren Wahl(Propaganda)- Veranstaltung(Kakenstorf) aufgetaucht ist, beweist, dass es kampagnenorientiert aufgezogen ist, also quasi wie eine Rockband, die verschiedene Konzerte an verschieden Orten gibt, aber das gleiche Programm präsentiert. Hier zu finden: http://www.guedesweiler.blogspot.com
Außerdem ein Gastbericht von „Urpils“, dem Urheber des Sulzbach- Videos mit seinen persönlichen Eindrücken während dieser Veranstaltung…

On Twitter @Forenwanderer: http://twitter.com/search/users?q=forenwanderer&category=people&source=find_on_twitter

Kommentar von Johannes Döh




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